Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft

Antworten
Benutzeravatar
Carol Rose
Beiträge: 134
Registriert: Mi Mai 20, 2020 8:47 am
Wohnort: Bamberg
Kontaktdaten:

Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft

Beitrag von Carol Rose » Mo Mai 25, 2020 6:51 am

Bild

Das Bild mit den Knarren (Louise Brooks) passt.

Salammbo konstruiert tatsächlich eine anarchische Abwesenheit von Herrschaft,
und verwendet dazu die Waffen (Knarren) des Patriarchats (erotische Elemente im Roman)

Wer Herrscher ist, wird durch das Genital definiert, in Salammbo vorwiegend als "Schwanz" bezeichnet,
weniger als Glied oder Penis. Um damit bereits diesen Schwanz von seinem Thron zu holen,
denn er ist kein ehrenvolles Glied und kein medizinischer Penis - er ist eine Definition für Herrschaft,
definiert, wer derjenige sein darf, der die Herrschaft über die 2. Hälfte der Weltbevölkerung, die Frauen, ausüben darf.

Selbstbestimmte weibliche Sexualität wird im Patriarchat immer als "Schmuddel" dargestellt, als etwas Negatives,
das fängt bei der Prostitution selbstbestimmter Frauen an und geht weiter mit der Bewertung des Verhaltens einer Frau,
die genauso lebt wie ein Mann, der gerne herumvögelt. Sie ist das Flittchen, er ist der Casanova.

Daher wird Salammbo mit den gleichen Waffen zurückschlagen. Der Roman verwendet die angebliche negative Sexualität,
das Patriarchat muss mit den Frauen auch ihre selbstbestimmte Sexualität unterdrücken, da beides verquickt ist,
und dreht sie um für die Befreiung der Frau,
Salammbo dreht die feindliche Kanone auf dem Schlachtfeld um,
die Frau darf nun auch freie Sexualität leben, ohne negative Konnotation,
dies geschieht vor den Augen der Leser und Hörer, Kapitel für Kapitel,
Stück für Stück wird die angebliche immer herrliche Sexualität der Männer, die die Anziehungskraft der Frauen für sich benutzt,
dann natürlich immer als positiv dargestellt versteht sich (nackte Brüste auf Titelblättern),
so gedreht, dass Sexualität per se nun auch für Frauen selbst etwas positives sein darf.

Weibliche Sexualität, die der Mann bestimmt, ist gut
Weibliche Sexualität, die die Frau für sich selbstbestimmt definiert - ist Schmuddel
Männer benutzen ständig das Wort ficken - eine Frau, die "ficken" sagt, gilt als ordinär

Damit räumt Salammbo auf

Die weiteren Dimensionen des Romans sind, aufzuzeigen, das eine patriarchale Gesellschaft genau definiert,
was Du zu tun hast, um patriarchal zu agieren und nicht in Ungnade zu fallen.

z.B. darf eine Frau, sich nicht outen, lesbisch zu sein. Du musst in dieser patriarchalen Gesellschaft hetero "spielen". Auch die Männer.
Sonst funktioniert Unterdrückung nicht mehr. Freude an deiner Sexualität darfst Du nur unter dem Thron eines
männlichen Gönners empfangen, sofern er so gnädig ist, diese dir in Krümeln, wie bei einer Ente am Fluss, zuzufüttern.


Das Anliegen des Romans ist automatisch, da es sich um das Thema Geschlecht dreht, ein politisches,
da Geschlecht immer in einem patriarchalen Herrschaftssystem auch eine politische Kategorie ist.

Die Umsetzung der Botschaften ist darauf ausgerichtet, vielfältig zu sein.
Nicht nur Larmoyanz
Nicht nur Drama
Nicht nur Anprangern und Aufzeigen, Beweisen und Outen
Nicht nur Gesellschaftskritik

Sondern auch
Unterhaltung
Satire
Erotik
Beziehungsberatung
Geschlechterforschung

Kulturelle Prozesse ziehen meist politische Prozesse nach sich, treiben diese Paradigmenwechsel in der Gesellschaft schneller voran,
als Gesetzesänderungen, die sehr lange brauchen und die meist gar nicht initiiert werden, wenn die Gesellschaft nicht schon
längst diese Gesetzesänderungen eingefordert hat. Die Ehe in Deutschland wurde 2017 im Zuge eines strategischen politischen Schachzuges vor der Bundestagswahl geöffnet. Ein linkes Thema sollte abgeräumt werden, bevor es eventuell noch Wirkung bei der Wahl hätte erzielen können. Diesem Schachzug gingen jahrzehntelange politische Bemühungen voraus. Die erste offizielle Rede im Bundestag in dieser Causa hielt Volker Beck bereits 1990. 27 Jahre. Diese lange Zeitspanne wurde auch deshalb benötigt, da keine große Bewegung über die gesamte Bevölkerung diese Öffnung begleitete. Eine ruhige Hand der Masse führt immer dazu, dass spezielle Prozesse in der Politik, die scheinbar nur Minderheiten betreffen, eine halbe Ewigkeit benötigen, zu fruchten.
Scheinbar, das ist ein wichtiges Wort, denn oft sind es gar nicht nur Rechte für Minderheiten, sondern das Nichtvorhandensein bestimmter Rechte bestimmen genau auch dein Leben. Z.B. ändert sich dein Leben auch als heterosexuelle Frau ein Stück in die Freiheit, wenn auch Lesben heiraten dürfen. Denn es wurde ein Stück die Frau befreit. Und damit auch dein Leben als Heterosexuelle. Das ist vielen nicht bewusst. Jede Frau die gefangen gehalten wird, weil sie zu einer Minderheit gehört, ist ein Beweis, dass Du als anscheinend freie Frau nur geduldet bist, weil Du allen Regeln entsprichst.

Die breite Hippie-Bewegung richtete sich ursächlich gegen den Krieg.
Kommuniziert wurde das Vorhaben mit Woodstock, Flower-Power, freie Liebe (auch für Frauen).
Aus einer breiten politischen Bewegung wurde über Musik, Kleidung, Literatur auch eine Frauenbewegung.

Um Frauen zu befreien ist es notwendig, das Frauen verstehen, dass patriarchale Unterdrückung auch sie etwas angeht, sobald sie eine Frau sind. Menschenverachtende Gesetze für sogenannte Transsexualität, Operieren von Babys bei sogenannter Intersexualität, Unterdrückung der selbstbestimmten Frau, legitimiert über religiöse Riten, Verurteilung von freier Liebe, Verurteilung von allem was außerhalb von Heterosexualität liegt. Heterosexualität ist ein patriarchales Konstrukt, es ist wichtig, um die unterdrückte Frau zu binden, und den Mann, der nicht "von der Fahne´" gehen darf.

Frauen, die andere Frauen befreien, obwohl sie nicht zu einer Minderheit (= patriarchal nicht konformes Verhalten) gehören, ruft Salammbo auf, weitere Frauen zu mobilisieren, ihre Sinne zu schärfen und nachzudenken, inwieweit ihre Freiheit beschränkt ist.

Nein - auch patriarchal agierende Frauen sind legitim. Immer dann, wenn diese Entscheidung die anderen Frauen frei bleiben lässt.

Wir müssen das Problem bei der Wurzel packen um eine freiheitliche Gesellschaft zu denken, und nach dem Denken kommt immer auch ein Handeln und eine Veränderung.
Um aber zu Denken, müssen wir wissen, hier möchte Salammbo seinen Beitrag leisten.
Das es hier viel zu erzählen gibt, steht außer Frage, da der Roman den Anspruch erhebt, nicht nur mit der Taschenlampe in ein spezielles Problemfeld zu leuchten (z.B. das Nichtheterosein als Normal anzusehen) sondern das Zimmerlicht komplett einschaltet, um alles zu erfassen, was die Definition über Dein Genital zu einem sozial-politischen Geschlecht mit Dir macht.





Warum berücksichtigt Salammbo schwule Männer nicht im gleichen Maße,
wie lesbische Frauen?


Männer haben eine größere Lobby im Internet und auch seit langem größere politische Schlagkraft.
Frauen hingegen haben es immer noch schwer, lesbisch definierte politische Prozesse zu initiieren.
Woran liegt das?
Männer sind Hordentiere, sie sind besser in "große Gruppen" zu organisieren, die eine definierte Agenda verfolgt.
Frauen arbeiten lieber in kleineren Clustern, kleinere Netzwerke, in kleineren Grüppchen.
Die zwar untereinander auch wieder vernetzt sind, aber eben nicht so einfach in eine große Einheit abzubilden sind.
Daher ist der Feminismus-Diskurs bereits in sehr vielen Strömungen gegliedert, diese Vielfalt in den Strömungen gibt
es im "Schwulendiskurs der Männer" nicht.
Auch lieben es Frauen nicht so sehr, politisch im Vordergrund zu agieren. Da liegt in ihrer Natur, die sich andere Wege suchen möchte,
die der Kommunikation, der Emotion, nicht die der Gruppenführung durch eine Sichtbarkeit von Hierarchien.
Eine Frau mag es lieber, Prozesse durch Emotion und Logik zu initiieren, nicht durch Macht, sei es sozialer oder politischer.
Dies sehen wir auch in Social Media, wir sehen es im Fehlen dieser Lobby für Lesben, die patriarchalfreie Zone, der Regenbogen,
hält dagegen aber Schwulenseiten der Männer mit hoher Reichweite bereit und hier haben sich bedeutend schlagkräftigere Medien entwickelt. Auch ist das Lesbenthema für mich allein deshalb wichtig, da Frauen, die mit Penis geboren werden, sich mit wenigen
Ausnahmen zu Frauen hingezogen fühlen. Dies kann ich aus einer Sicht behaupten, die die Diskurse über diese Menschen seit
langer Zeit verfolgt. Die Andichtung, diese Menschen wären schwul, also auf Männer fixiert, ist ein patriarchales Märchen,
das damit versucht, soweit dies überhaupt noch möglich ist, diese Menschen über das "Schwulsein" zu diskreditieren, denn
Schwulsein ist natürlich nicht patriarchatskonform. Neben der Zuschreibung, diese Menschen seien Männer, weil sie mit Penis
geboren wurden, ist dann die zweite Salve, die aus dem Patriarchat auf diese abgeschossen wird. (doppelte Falschdarstellung)
Ein Genital beschreibt dein Geschlecht nicht, dies ist an Intersexualität auch augenscheinlich sichtbar. Wenn Du aber eine
Intersexuelle, die Vagina und Penis, also beides hat, fragst, was sie sei, bekommst Du eine klare Antwort:
Sie sagt, z.B. sie ist ein Mann, oder sie ist ein Frau, oder sie sagt Dir, sie ist ein Zwischen. Es ist wichtig, dass sie es genau weiß,
nicht, was sie aussagt, sie weiß es. Das Geschlechtswissen, hat mit deinem Genital nichts zu tun. Aber genau das, will
uns das Patriarchat erzählen. Wäre das Genital nicht mehr maßgebend für eine soziale und politische Folge deiner Person,
wäre das Patriarchat ausgehebelt. Deshalb haben wir politische Prozesse, die sich um das Thema Geschlecht kümmern. Deshalb
ist Geschlecht nicht nur etwas wie deine Augenfarbe, die auch im Paß steht, sondern etwas, was dein Leben maßgeblich bestimmen soll.
Dein Verhalten und sogar Dein Fühlen.

Die Frau ist in Salammbo ein freier Mensch, frei mit ihrer Sexualität.
Du wirst Dich beim Lesen und Hören prüfen, ob Du bereits schon in dieser Freiheit bist.


Salammbo wird ein Teil der Frauenbewegung werden.

Kunst kann viel bewirken und Salammbo wird viele Frauen befreien,
die erste Befreiung findet mental statt, dann folgt das Handeln,
dann das Fühlen.


Erste Frauentanzszene in den Kinos - Pandoras Box, 1929, Berlin
Mit dieser Szene und ihrer Kurzhaarfrisur (auch die erste in den Kinos)
wurde Louise Brooks auch zur Ikone der Lesben.

Bild

Bild
Die anderen unterhalten sich darüber...
Salammbo wird auch für "Unterhaltung" sorgen!

Bild

Warum wurde Pippi Langstrumpf so ein berühmtes Kinderbuch?

Es war nicht irgendein Kinderbuch, sondern es lieferte auch den Traum,
dass ein Mädchen wie ein Junge sein kann.

Es hat befreit.

Salammbo befreit keine Mädchen,
sondern Frauen, auch Männer.

Daher kann es nicht anders sein, als das Salammbo viral geht.
Es ist egal, welche Handlungen in Salammbo erzählt werden,
da die Kapitel immer befreiende Utopien aufzeigen,
die gleichzeitig die aktuelle Gefangenschaft der Leser_innen bedeuten.


Bild

Strafknöllchen, weil sie Bikini getragen hat, Badeanzug war Vorschrift (1957)



Heute: Demonstration dafür, dass Frauen oben ohne gehen können, genauso wie Männer,
weibliche Sexualität wird Restriktionen unterworfen, die Frau ist nicht frei.

Bild

Bild

heute müssen Frauen immer noch ihre Brüste bedecken, FFK nur in ausgewiesenen "Reservaten"
Scham wird anerzogen, Sexualität in ihrer natürlichen Form patriarchal verändert durch Erziehung:
Komplexe, Scham, Schuldgefühle, Angst
Der Mann kontrolliert, wann eine Frau Lust haben darf und auf welche Art,
gesteuert über Moral

Salammbo ist ein gesellschaftskritischer Roman, zentrales Thema ist „das Geschlecht“. Das Geschlecht wird zur politischen Kategorie, weil wir dieses in ein patriarchales Konstrukt einbetten.
Dieses Konstrukt zu kritisieren ist nur möglich, wenn die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit betrachtet wird, in sozialer, politischer, patriarchaler Hinsicht. Daher ist es unumgänglich, sich mit Politik der Vergangenheit und Gegenwart zu beschäftigen, um die Verhandlung des Themas Geschlecht unter den aktuellen politischen Einflüssen zu verstehen.



Antworten

Zurück zu „Salammbo - Manifest der Frauenbefreiung“